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Chinesische Studenten Schriftsteller

Lin Yutang. Studium und Promotion. Von Jena nach Leipzig

[/media-credit] Lin Yutang (1895­-1976)

„Lin Yutang. Studium und Promotion. Von Jena nach Leipzig“

„Unser Volksgeist ist weiträumig genug, daß wir ein kaiserliches Gesetzbuch entwerfen können, welches auf dem Ideal einer unbedingten Gerechtigkeit beruht und auf der anderen Seite vom äußersten Mißtrauen gegen Advokaten und Gerichtshöfe beseelt ist. Fünfundneunzig von hundert Rechtsfällen werden bei uns ohne Mitwirkung des Gerichts entschieden. Wir sind großzügig genug, uns ein höchst vertracktes Zeremoniell aus zu denken und es dann praktisch doch als einen ungeheuren Jokus zu behandeln, wie sich zum Beispiel bei den chinesischen Begräbnissen mit ihrem Aufwand an Lustbarkeit deutlich zeigt. Wir befehden das Laster, aber wir lassen uns durch sein Vorhandensein nicht in Erstaunen, geschweige denn in Unruhe versetzen. Wir bringen eine Revolution nach der andern in Gang, aber groß zügig wie wir sind, lassen wir uns am Ende auf einen Kompromiß ein und nehmen wieder die frühere Regierungsform an. Großzügig entwerfen wir ein wunderbares System öffentlicher Verantwortung, eine Beamten- und Verkehrsordnung, Regeln für den Gebrauch öffentlicher Büchereien, und großzügig werfen wir all diese Systeme wieder über den Haufen, ignorieren und umgehen sie, treiben Schindluder mit ihnen und fühlen uns über sie erhaben.“
Aus: Lin Yutang, Mein Land und mein Volk, 1936.

Universitätsarchiv Leipzig/Universitätsarchiv Jena
Die Universität Jena zeigt eine Ausstellung über den Literaten, Linguisten und Übersetzer Lin Yutang. Der Chinese Lin Yutang (1895­-1976) war der erste Schriftsteller seines Landes, der seine Karriere im Ausland begründete. Neben China und den USA wirkte er auch in Deutschland als Literat und Linguist. Zu einem seiner bekanntesten Werke gehört etwa „Weisheit des lächelnden Lebens“, das 1937 erschienen ist und zum Bestseller wurde. Er hat zahlreiche klassische chinesische Texte v. a. ins Englische übersetzt und dadurch den Kulturtransfer zwischen Europa und China verstärkt. Zum Mittler wurde er auch durch eigene Wortkreationen: So gab er dem Begriff Humor im Chinesischen eine neue Bedeutung, die sich vom deutschen Begriff herleitete.
Gleich vier Mal war Lin für den Literaturnobelpreis nominiert (1940, 1950, 1973 und 1975), vor allem wegen seines 1939 erschienenen Buches „Moment in Peking“. Studienzeit in Deutschland beeinflusste seine literarische Entwicklung Einen Teil seines Studiums und seiner Promotion absolvierte der westlich erzogene Lin Yutang an der Universität Jena und der Leipziger Universität. Die Studienzeit in Deutschland beeinflusste seine weitere literarische Entwicklung und ermöglichte ihm den Aufstieg in die internationale Literaturwelt. Andererseits lernte er das Chinesische und die chinesische Kultur erst in Deutschland richtig kennen. Der Studienaufenthalt des Chinesen an der Universität Jena während des Sommersemesters 1921 ist eines der vielen Beispiele aus der langen Tradition, die bis heute fortgeführt wird, internationale Studierende in der Saalestadt willkommen zu heißen. So studieren derzeit knapp 400 Chinesen an der Universität Jena. Anlässlich seines 120. Geburtstages am 10. Oktober haben die Archive der Universitäten Jena und Leipzig sowie die Deutsch-­Chinesische Gesellschaft Jena Lin Yutang zu Ehren eine KabinettAusstellung initiiert. Unter dem Titel „Lin Yutang. Studium und Promotion. Von Jena nach Leipzig“ werden vom 7. bis 22. Oktober 2015 erstmals die Dokumente zu Studium und Promotion des Chinesen der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Ausstellungskabinett im Hauptgebäude (UHG) der Universität Jena (Fürstengraben 1) sind montags bis donnerstags von 12­16 Uhr u. a. Briefe, eine Zusammenfassung seiner Dissertation „Zur altchinesischen Lautlehre“, Bücher und Fotos zu sehen.
7. bis 22. Oktober 2015, Universitätshauptgebäude Jena (Raum 25, Fürstengraben 1), montags bis donnerstags 12­ – 16 Uhr. Eröffnung: 6.10.2015, 18.15 Uhr, HS 24, UHG, anschließend Rundgang durch die Ausstellung.
Ausstellung kuratiert von Prof. Dr. Joachim Bauer, Archiv der Friedrich­ Schiller­ Universität Jena in Zusammenarbeit mit dem Universitätsarchiv Leipzig, Dr. Jens Blecher.

Von Redaktion Universitätsarchiv Leipzig

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